6.2.4  Seelisch und geistlich

»Der natürliche (eigentlich: seelische) Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muß geistlich verstanden sein« (V. 14). Seelisch sind alle Menschen zu nennen, die nicht neugeboren sind und darum auch keinen neuen Geist haben. Weil ihr Geist tot ist, können sie sich nur auf die Fähigkeiten ihrer Seele stützen. Sie können zwar ihren Verstand und ihre Gefühle gebrauchen, die Dinge des Geistes Gottes aber können sie nicht empfangen. Obwohl diese Menschen denken und beobachten können, haben sie doch nicht die Kraft der unmittelbaren Erkenntnis. Sie können das nicht aufnehmen, was Gott nur dem Geist des Menschen offenbart. Wie unzureichend sind deshalb die natürlichen Fähigkeiten des Menschen! Er besitzt viel, aber nichts kann die Fähigkeit der unmittelbaren Erkenntnis ersetzen. Der seelische Mensch hat nicht die Möglichkeit der Gemeinschaft mit Gott. Selbst der beste menschliche Verstand ist so verdorben wie die Begierden und Leidenschaften; beide sind unfähig, Gott zu verstehen. Auch ein wiedergeborener Mensch kann versuchen, durch seinen Verstand oder durch sein Gefühl mit Gott Gemeinschaft zu haben. Aber auch ihm kann das nicht gelingen. Das, was uns natürlicherweise gegeben ist, ändert sich wesensmäßig nicht bei der Wiedergeburt. Der Verstand bleibt Verstand, der Wille bleibt Wille. Aus diesen Funktionen der Seele werden durch die Wiedergeburt keine Organe, die mit Gott Gemeinschaft aufnehmen können.

Der seelische Mensch kann nicht nur die Dinge Gottes nicht begreifen, er erachtet sie auch als Torheit. Nach der Wertskala seines Verstandes ist alles, was durch Intuition erkennbar wird, absolut unvernünftig, weil es dem natürlichen Menschen zuwiderläuft und nicht der weltlichen Weisheit oder dem gesunden Menschenverstand entspricht. Der Verstand freut sich an der Logik, will analysieren und psychologisieren. Aber Gott bewegt sich nicht in diesen menschlichen Begrenzungen, und darum sind seine Taten in den Augen seelischer Menschen töricht. Die Torheit, von der hier die Rede ist, bezieht sich zweifellos auf die Kreuzigung des Herrn Jesus. Das Wort vom Kreuz spricht nicht nur von dem Heiland, der an unserer Stelle starb, sondern auch von dem Gläubigen, der mit dem Heiland gestorben ist. Das natürliche Leben des Gläubigen muß durch den Tod des Kreuzes gehen. Der Verstand mag dies als eine Theorie akzeptieren, wird sich dieser Wahrheit aber in der Praxis widersetzen.

Weil der seelische Mensch das Wort vom Kreuz nicht aufnimmt, kann er es auch nicht verstehen. Annehmen geht dem Verstehen voraus. Ob wir dieses Wort vom Kreuz annehmen oder ablehnen, ist der Prüfstein dafür, ob unser Geist lebendig ist oder nicht. Erst wenn der Geist lebendig ist, können wir die Dinge Gottes durch die Fähigkeit der unmittelbaren Erkenntnis annehmen. Wer, außer dem Geist des Menschen, kennt des Menschen Gedanken?

Der Apostel Paulus erklärt auch, warum der seelische Mensch nicht in der Lage ist, göttliche Dinge zu begreifen: »Denn es muß geistlich verstanden sein.« Fällt es uns eigentlich auf, daß der Heilige Geist immer wieder die Tatsache unterstreicht, daß allein der Geist des Menschen Gemeinschaft mit Gott haben kann? Die Hauptbedeutung dieses Schriftabschnittes ist es, den Geist des Menschen als einzige Grundlage der Gemeinschaft mit Gott und der Erkenntnis um Gott herauszustellen.

Jedes Element hat seine spezifischen Funktionen. Die Funktion des Geistes ist es, die himmlischen Wirklichkeiten zu erfassen. Damit sollen die Fähigkeiten der Seele nicht herabgesetzt werden. Sie sind nützlich, aber an dieser Stelle nehmen sie den zweiten Platz ein. Sie sollten unter Kontrolle sein, nicht aber kontrollieren. Der Verstand sollte sich der Herrschaft des Geistes unterordnen und dem folgen, was die unmittelbare Erkenntnis, die Intuition, als den Willen Gottes begreift. Der Verstand sollte nicht auf seine eigenen Ideen zurückgreifen und dann den ganzen Menschen zwingen, ihnen zu folgen. Auch die Emotion sollte den Forderungen des Geistes Folge leisten. Liebe und Haß müssen aus dem Geist und nicht aus der Seele kommen. Auch der Wille sollte sich dem unterstellen, was Gott durch die Erkenntnis dem Geist offenbart hat. Er darf nicht das wählen, was dem Willen Gottes widerspricht. Wenn diese Fähigkeiten der Seele an diesem ihrem zweiten Platz bleiben, kann der Gläubige in seinem geistlichen Wandel enorme Fortschritte machen. Aber leider geben viele Christen der Seele den ersten Platz und verdrängen somit den Geist. Nimmt es da wunder, daß sie kein geistliches Leben führen und keine Frucht bringen? Der Geist muß wieder die erste Position einnehmen. Der Gläubige muß es lernen, im Geist auf die Offenbarung Gottes zu warten. Wo dies nicht geschieht, ist der Gläubige von der Erkenntnis des Willens Gottes ausgeschlossen. Dies wird in Vers 13 ausgedrückt: »Und deuten geistliche Sachen für geistliche Menschen«, denn nur mit geistlicher Empfindsamkeit können die Dinge des Geistes erkannt werden.

»Der geistliche Mensch aber ergründet alles und wird doch selber von niemand ergründet« (V. 15). Geistlich ist der Mensch, in dem der Geist regiert, und der eine empfindsame Intuition hat. In solchen Gläubigen kann der Geist seine Aufgabe erfüllen, weil er nicht von dem Verstand, dem Gefühl und dem Willen der Seele gestört wird.

Warum kann der geistliche Mensch alles ergründen? Weil sich seine Erkenntnis auf den Heiligen Geist stützt. Warum wird er von niemandem ergründet? Einfach deshalb nicht, weil niemand weiß, wie und was der Heilige Geist seiner Erkenntnis mitteilt. Wenn das Wissen eines Gläubigen von seinem Intellekt abhängig wäre, dann könnte er nur mit einem außergewöhnlich scharfen Verstand alle Dinge ergründen. Bildung und Erziehung müßten eine große Rolle spielen. Und solch ein gelehrter Mensch würde auch von denen, die ebenso gelehrt oder noch gebildeter wären als er, ergründet. Aber geistliches Wissen gründet sich auf die Erkenntnis des Geistes. Für das Wissen eines Christen gibt es keine Grenzen, wenn er geistlich ist und eine empfindsame Erkenntnisfähigkeit besitzt. Selbst wenn sein Verstand recht begrenzt ist, kann ihn doch der Heilige Geist in die geistlichen Wirklichkeiten einführen und seinen Verstand erleuchten. Die Art und Weise, wie sich der Geist selbst offenbart, übersteigt immer wieder die Erwartungen der Menschen.

»Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen? Wir aber haben Christi Sinn« (V. 16). Hier ergibt sich ein Problem. Kein Mensch auf dieser Welt hat je den Sinn des Herrn erkannt und könnte ihn unterweisen, denn alle Menschen sind seelisch. Nur durch die Erkenntnis kann Gott verstanden werden. Wie kann ein Mensch, dessen Geist tot ist, den Sinn Gottes erkennen? Dies erklärt auch, warum ungeistliche Menschen geistliche Menschen nicht beurteilen können, denn sie haben auch den Sinn Christi nicht erkannt. Geistliche Menschen hingegen kennen den Sinn Christi, denn sie haben eine empfängliche Erkenntnisfähigkeit. Die Erkenntnis der seelischen Menschen ist nicht aufnahmefähig, und darum können sie auch keine Gemeinschaft mit Gott haben. Hier soll uns klar gemacht werden, daß die seelischen Menschen weder den Sinn Christi erkennen, noch die geistlichen Menschen verstehen können, die sich ganz dem Herrn übergeben haben.

»Wir aber...« deutet auf einen Unterschied hin. »Wir« schließt alle erlösten Gläubigen ein, auch solche, die vielleicht noch im Fleisch wandeln. »Wir aber haben Christi Sinn.« Ob wir nun jung oder gereift im Glauben sind, wenn wir wiedergeboren wurden, haben wir den Sinn Christi und kennen seine Gedanken. Weil wir einen auferweckten Geist und damit eine neue Erkenntnisfähigkeit haben, wissen wir, was Gott für uns in der Zukunft bereithält (V. 9). Die seelischen Menschen wissen nichts, die Wiedergeborenen aber wissen. Der Unterschied liegt darin, ob wir den Geist haben oder nicht.