11.4  Den Tod überwinden

Die Überwindung des Todes ist keine außergewöhnliche Erfahrung der Gläubigen. Durch das Blut des Lammes wurden die Israeliten vor der Hand des Würgeengels beschützt, der alle Erstgeburt Ägyptens tötete. Im Namen des Herrn wurde David aus den Klauen von Löwe und Bär gerettet wie auch aus der Hand Goliaths. Indem er etwas Mehl in einen Topf warf, vertrieb Elisa den Tod (2.Kön. 4,38-41). Schadrach, Meschach und Abednego wurden im Feuerofen nicht beschädigt (Dan. 3,16-27). Daniel erlebte, wie Gott den Löwen das Maul verschloß, als er in ihre Grube geworfen wurde. Paulus schüttelte eine tödliche Viper ab und erlitt keinen Schaden (Apg. 28, 3-5). Henoch und Elia wurden in den Himmel entrückt, ohne den Tod zu schmecken. Das sind Beispiele dafür, wie der Tod überwunden wurde.

Gottes Ziel ist es, seine Kinder jetzt in diese Erfahrung des Uberwindens des Todes zu führen. Es ist notwendig, über Sünde, Selbst, Welt und Satan zu siegen; aber der Sieg ist nicht vollständig ohne den Triumph über den Tod. Wenn wir uns eines völligen Sieges erfreuen wollen, muß dieser letzte Feind vernichtet werden (1.Kor. 15,26). Wir werden einen Feind unbesiegt lassen, wenn wir es versäumen, Sieg über den Tod zu erfahren.

Es gibt Tod in der Natur, Tod in uns und den Tod Satans. Die Erde unterliegt einem Fluch, darum wird sie durch diesen Fluch beherrscht. Wenn wir auf dieser Erde siegreich leben wollen, müssen wir den Tod überwinden, der in der Welt ist. Tod ist in unserem Leib. Vom Tage unserer Geburt an ist er in uns wirksam; denn wer von uns bewegt sich nicht vom ersten Tage an auf das Grab zu? Erachte den Tod nicht als eine bloße »Krise«. Er ist eher etwas Fortschreitendes. Er ist schon in uns und verzehrt uns unaufhaltsam. Unsere Befreiung von dieser irdischen Hütte ist nur der Höhepunkt des Wirkens des Todes in uns. Er kann unseren Geist treffen und ihm Leben und Kraft rauben; er kann uns in der Seele treffen und unsere Gefühle, Gedanken und den Willen lähmen; oder er kann uns im Leib treffen und uns schwach und krank machen.

Wenn wir Römer 5 lesen, sehen wir, daß der Tod »herrschte« (V. 17). Der Tod existiert nicht nur, er herrscht auch. Er herrscht im Geist, in der Seele und im Leib. Obwohl unser Leib noch lebt, herrscht der Tod schon in ihm. Sein Einfluß hat seinen Höhepunkt noch nicht erreicht, er regiert aber trotzdem und schiebt seine Grenzen vor, um den ganzen Leib zu erfassen. Verschiedene Symptome in unserem Leib decken auf, wie sehr seine Kraft uns beeinträchtigt. Und diese Symptome führen die Menschen schließlich zum körperlichen Tod.

Der Apostel Paulus versichert uns, daß alle, die die Uberschwenglichkeit der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, »im Leben herrschen«, in einer Kraft, welche die Wirkungskraft des Todes weit übertrifft. Doch die Christen sind heute so mit dem Problem der Sünde beschäftigt, daß das Problem des Todes praktisch vergessen wurde. Obwohl die Überwindung der Sünde wichtig ist, sollte das Überwinden des Todes- ein verwandtes Problem - nicht übersehen werden. Wir wissen, daß Römer 5 bis 8 sehr klar den Sieg über die Sünde behandelt, dieser Abschnitt schenkt aber der Frage des Todes die gleiche Aufmerksamkeit. »Der Lohn der Sünde ist der Tod« (6,23). Paulus behandelt sowohl die Folgen der Sünde als auch die Sünde selbst. Er stellt nicht nur Gerechtigkeit und Übertretung einander gegenüber, sondern er vergleicht auch Leben und Tod. Viele Christen betonen das Überwinden der verschiedenen Manifestationen der Sünde in ihrem Wesen und ihrem täglichen Leben, sie versäumen es aber, die Auswirkung der Sünde, namentlich den Tod, zu betonen. Der Apostel aber wird hier von Gott gebraucht, um in diesen wenigen Kapiteln nicht so sehr die Äußerungen der Sünde im täglichen Leben klarzulegen, sondern die Folge der Sünde, den Tod.

Wir müssen die Beziehung zwischen diesen beiden Elementen klar erkennen. Christus starb, um uns nicht nur aus unseren Sünden zu retten, sondern auch vom Tod. Gott beruft uns nun dazu, diese beiden Phänomene zu unterwerfen. Als unerlöste Sünder waren wir tot in Sünden, denn Sünde und Tod herrschten über uns. Aber Jesus hat in seinem Tod unsere Sünde und unseren Tod überwunden. Anfänglich herrschte der Tod in unserem Leib, aber als wir mit seinem Tod vereint wurden, sind wir der Sünde gestorben und Gott lebendig gemacht worden (6,11). »Der Tod herrscht nicht mehr über (uns)«, und kann uns auch nicht mehr gefangen halten, wegen unseres Einsseins mit Christo (6,9 u. 11). Das Heil Christi ersetzt Sünde durch Gerechtigkeit und Tod durch Leben. Wenn der Apostel in diesem Schriftabschnitt Sünde und Tod behandelt, können wir nicht nur einen Teil des Themas aufgreifen. Paulus beschreibt das volle Heil des Herrn mit diesen Worten: »Das Gesetz des Geistes des Lebens in Christo Jesu hat mich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes« (8,2). Es mag sein, daß wir den Sieg über Sünde erfahren haben, doch wieviel haben wir von der Überwindung des Todes erfahren?

Weil wir das ewige Leben Gottes in unserem Geist empfangen haben, wissen wir als wiedergeborene Christen auch etwas vom Sieg über den Tod. Aber muß unsere Erfahrung auf ein solch geringes Maß beschränkt bleiben? Wieweit kann das Leben den Tod überwinden? Müssen wir nicht bekennen, daß der Tod mächtiger in unserem Leib wirkt als das Leben? Wir sollten auf Sünde und Tod genauso achten wie Gott. Wir müssen Sünde und Tod überwinden. Weil Christus den Tod besiegt hat, müssen die Gläubigen nicht sterben, obwohl sie sterben können. Es verhält sich so, wie die Befreiung von der Macht der Sünde. Die Gläubigen müssen nicht mehr sündigen, obwohl sie noch sündigen können. Wenn es das Ziel des Christen ist, nicht zu sündigen, dann sollte es auch sein Ziel sein, nicht zu sterben. Wie seine Beziehung zur Sünde durch den Tod und die Auferstehung Christi bestimmt ist, so sollte es auch mit seiner Beziehung zum Tod sein. In Christus hat der Gläubige die Sünde und den Tod völlig besiegt. Daher beruft ihn Gott jetzt, diese auch erfahrungsmäßig zu überwinden. Gewöhnlich nehmen wir Christen an, daß wir dem Tod keine Beachtung mehr schenken müssen, weil Christus für uns den Tod besiegt hat. Wie können wir dann den Sieg des Herrn erfahren? Gewiß, außer Golgatha haben wir keine Grundlage für unseren Sieg. Aber dieser Sieg muß in Anspruch genommen werden. Wir überwinden Sünde nicht durch Passivität, auch besiegen wir den Tod nicht, indem wir ihn nicht beachten. Gott will, daß wir es damit ernst nehmen, den Tod zu überwinden. Durch den Tod Christi müssen wir tatsächlich die Macht des Todes in unserem Leib überwinden. Bis jetzt haben wir viele Versuchungen, das Fleisch, die Welt und Satan besiegt. Jetzt müssen wir uns erheben, um den letzten Feind, den Tod zu besiegen.

Wenn wir uns vornehmen, dem Tod zu widerstehen, wird unsere Haltung ihm gegenüber völlig verändert werden. Die Menschheit marschiert auf das Grab zu, und da der Tod das gemeinsame Los der gesamten gefallenen Menschheit ist, neigen wir dazu, eine unterwürfige Haltung einzunehmen. Wir haben nicht gelernt zu widerstehen. Trotz unseres Wissens um die baldige Wiederkunft des Herrn und der Hoffnung, nicht durch das Grab gehen zu müssen, sondern in den Himmel entrückt zu werden, bereiten sich die meisten von uns doch darauf vor, den Tod abzuwarten. Wenn die Gerechtigkeit Gottes in uns wirksam ist, verabscheuen wir Sünde; aber wir haben das Leben Gottes in uns nicht derart wirksam werden lassen, daß wir den Tod hassen.

Um den Tod zu überwinden, müssen die Gläubigen ihre Haltung ihm gegenüber von Unterwürfigkeit in Widerstand verändern. Wenn wir unserepassive Stellungnahme ihm gegenüber nicht ablegen, werden wir den Tod nicht überwinden können, sondern werden von ihm verspottet werden und ein frühzeitiges Ende nehmen. Viele Gläubige halten heute fälschlicherweise Passivität für Glauben. Sie erklären, sie hätten Gott alles übergeben. Wenn es ihnen nicht bestimmt sei zu sterben, werde er sie davor bewahren ; wenn sie sterben sollen, dann wird er es wohl zulassen, daß sie sterben. Gottes Wille geschehe. Solche Aussagen scheinen richtig, aber ist das Glaube? Ganz und gar nicht! Es ist nichts anderes als Passivität. Wenn wir Gottes Willen nicht kennen, können wir beten:

Das heißt aber nicht, daß wir nicht gezielt beten sollen, indem wir unsere Anliegen vor Gott bringen. Wir sollten uns nicht passiv dem Tod unterwerfen, denn Gott weist uns an, aktiv mit seinem Willen zusammenzuarbeiten. Es sei denn, daß wir ganz gewiß sind, daß Gott unseren Tod will, dürfen wir nicht passiv dem Tod erlauben, uns zu bedrücken. Wir müssen vielmehr aktiv mit Gottes Willen zusammenarbeiten und dem Tod widerstehen.

Warum sollten wir eine solche Haltung einnehmen? Die Bibel behandelt den Tod als unseren Feind (1.Kor. 15,26). Darum müssen wir uns entschließen, ihn zu bekämpfen und ihn zu unterwerfen. Weil Jesus für uns in den Tod gegangen ist und ihn für uns auf der Erde besiegt hat, will er, daß wir persönlich ihn in diesem Leben besiegen. Wir sollten Gott nicht um Kraft bitten, mit der Macht des Todes lediglich fertigzuwerden, wir sollten stattdessen um die Kraft bitten, seine Macht zu brechen.

Wie der Tod aus der Sünde kam, so kommt der Sieg über den Tod durch das Werk des Herrn Jesus, der für uns starb und uns von der Sünde erlöste. »Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise an ihnen teilgenommen, auf daß er durch den Tod den zunichte mache, der die Macht des Todes hat, das ist der Teufel und alle die befreite, die durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren« (Hebr. 2,14-15). Das Kreuz ist die Grundlage zum Sieg über die Macht des Todes. Satan besitzt diese Macht, die er aus der Sünde nimmt. »Gleichwie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen und durch die Sünde der Tod, weil sie alle gesündigt haben« (Röm. 5,12). Aber der Herr Jesus ist in den Herrschaftsbereich des Todes eingedrungen und hat durch sein Erlösungswerk den Stachel des Todes entfernt und Satan seiner Macht beraubt. Durch den Tod Christi verlor die Sünde ihre Macht, und gleicherweise wurde der Tod seiner Macht beraubt. Durch die Kreuzigung Christi werden wir fortan die Macht des Todes brechen und seine Belagerung aufheben, indem wir den Sieg von Golgatha in Anspruch nehmen. Drei Wege stehen dem Christen offen, um den Tod zu überwinden:

  1. Durch den Glauben, daß wir nicht sterben, bis unser Werk getan ist;
  2. indem wir keine Furcht vor dem Tod haben, auch wenn er kommen sollte, weil wir wissen, daß sein Stachel entfernt worden ist;
  3. indem wir glauben, daß wir völlig vom Tod befreit werden, weil wir bei der Wiederkunft des Herrn entrückt werden. Wir wollen diese drei Wege betrachten.